Weiße Stadt – Weißenstadt

Habe wieder das Bedürfnis nach Urlaub. Diesmal ist ein Kind dabei… mein Kind dabei. Habe mich informiert, dass Urlaub mit Kind gar kein Urlaub ist außer für das Kind. Kann das nicht glauben und lasse es auf einen Selbstversuch ankommen. Es geht diesmal nach Weißenstadt im Fichtelgebirge.

Anreise

Selten so eine gemächliche Anreise gehabt. Direkt nach der Auffahrt auf die Autobahn werden wir von der ersten Baustelle begrüßt. Verkehr ist generell zäh. Brummis überholen Brummis und werden dabei von einem Bus überholt. Alle Spuren dicht, Tempo 90 auf der linken Spur. Hinter mir kommt ein Wahnsinniger angerast, blinkt zum Überholen und muss dann leider feststellen, dass noch weiter links nur noch die Leitplanke ist. Das hindert ihn nicht, auch noch mit Lichthupe zu signalisieren, dass er vorbei will. Bin mir nicht sicher, ob er dumm oder blind oder beides ist. Den Bus vor mir kann man eigentlich nicht übersehen und auch die beiden Brummis rechts davon sind jetzt nicht unnötig klein geraten.

Nachdem der Bus sein Überholmanöver beendet hat und auch ich wieder in die Mittelspur durfte, bedanke ich mich bei meinem Ex-Hintermann durch Standing Ovations meines Mittelfingers für das Lichterkonzert. Der Rest der Anfahrt verläuft unkompliziert.

Kommen schließlich in Weißenstadt an und werden in der Ferienwohnung rumgeführt. Eigentlich ein Ferienhaus. Ein 3-etagiges Eckhaus. Unglaublich verwinkelt. Kaum eine Ecke hat 90°. Schick als Abwechslung, aber zum dauerhaft Wohnen sicher eine Herausforderung.

Beim Abrechnen der Kurtaxe gibt’s die Info, dass in der Tourist-Info noch ein Begrüßungsgeschenk abgeholt werden kann. Nach dem Auspacken direkt hin, leider geschlossen. Geschlossen? Einlass um 5 Minuten verpasst… Mildernde Umstände liefert ein kleines Hinweisschild: aufgrund des gerade stattfindenden Stadtfestes war bereits um 10 Uhr Schluss. Nutze die Gelegenheit und will mit Kind zum nahegelegenen Babystrand. Dort angekommen ist mein Kind begeistert von dem dort installierten Wasserspielzeug und kleistert erstmal sich und dann mich mit Wasser und Sand voll. Im Spielrausch bekommt es nicht mit, wie es die Spielobjekte eines anderen Kindes entwendet. Mein Aufruf „Gib dem Jungen bitte sein Spielzeug wieder.“ wird von einer Mutti mit „Das ist ein Mädchen.“ quittiert. Zugegeben, Bärbel* wäre jetzt auch eher ein untypischer Jungenname. (* Name von der Redaktion geändert)

Eine Geschrei-Konzert beim Aufbruch vom Babystrand zeigt nochmal in aller Deutlichkeit wer hier eigentlich Urlaub hat.

Ein Tag

Heute ist der letzte Tag des Stadtfestes. Will das noch ausnutzen und mit dem Kind zur Kirmes gehen. Stelle vormittags fest, dass die Buden erst ab Mittag öffnen. Nutze also die Gelegenheit für einen kleinen Stadtbummel.

Komme am „Rogg-In“ vorbei, dem pädagogisch-poetischen Informationszentrum für Roggenkultur. Leider sind auch hier die Öffnungszeiten schlecht auf meinen Besuch abgestimmt. Mir kommen schnell Ideen wie es drinnen wohl zugehen könnte. Wilde Poetry-Slams mit als Roggen verkleideten Vortragenden halte ich für durchaus plausibel.

Versuche mein Glück mit dem Rummel nochmal am Nachmittag. Beinahe hätte uns erbarmungsloser Nieselregen aufgehalten, denn das Kind wollte die Regenplane nicht auf seinem Kinderwagen haben. Beim Warten auf besseres Wetter unter einem Baum konnten wir zur Entschädigung die Sanierungsarbeiten an der örtlichen Grundschule kontrollieren. Schließlich dann doch noch auf die Kirmes gelangt. So viele bunte und sich drehende Sachen; das Kind ist hellauf begeistert. Erfahre, dass zum Abschluss des Festes noch ein Feuerwerk geplant ist.

Das Feuerwerk ist 22 Uhr. Das Kind schläft schon! Ich hoffe bei jedem Knall, dass es der letzte ist. Leider liege ich damit immer falsch, bis auf ein Mal.

Ein anderer Tag

Wollen heute um den See wandern. Bei Ankunft am See hat das Kind bereits die Lust verloren, im Kinderwagen zu sitzen. Tatkräftig schiebt das Kind seinen eigenen Kinderwagen und ich überlege, ob ich mich stattdessen nicht einfach reinsetzen könnte. Entscheide mich dagegen, da es zuviele Zeugen gibt.

Kinderarbeit

Das Kind hat eine Schrei-Attacke. Es wollte in den See laufen. Ich wollte das nicht. Eine alternative Routenplanung lehnt es unter Protest ab. Unter Anstrengung das Kind wieder in den Kinderwagen verfrachtet. Die Sirene lässt schnell nach und der Rest des Rundwegs entpuppt sich dann als doch nicht so schlimm.

Nachmittags geht es zum Ochsenkopf. Eine Seilbahn mit halboffenen Gondeln lädt zur bequemen Hochfahrt ein. Ich habe jedoch Höhenangst! Dieser trotzend buche ich Karten für Rauf- und Runterfahrt und wir steigen ein. Man kann von unten schließlich schon das Ziel der Fahrt sehen. Stelle fest, dass das „Ziel“ nur eine Zwischenstation ist und es noch ganz schön weit hoch geht. Plötzlich wird die Seilbahn langsamer und bleibt schließlich stehen. Wir hängen in der Luft. Ich habe immernoch Höhenangst. Während ich überlege, wie ich hier schnell rauskomme, geht es endlich weiter.

Plötzlich schreit ein Kind. Plötzlich schreit mein Kind. Ihm gefällt das Hochfahren auch nicht. Konnte ja keiner wissen, dass die Fahrt nach oben eine halbe Stunde (!) dauert. Kommen oben fix und fertig an. Kann mich vor Stress und Adrenalin kaum auf den Beinen halten.

Eine Polizeikohorte absolviert hier oben in brütender Hitze ihr Training, alle in voller Montur. Beginne beim bloßen Anblick zusätzlich zu schwitzen. Esse auf den Schreck der Fahrt hoch erstmal etwas und genieße dann die schöne Aussicht von einem Turm auf dem Gifpel.

Schöne Aussicht

Beschließe den Weg nach unten nicht in der Seilbahn zurückzulegen, sondern zu wandern. Bemerke erst jetzt, dass ich zum Wandern am Berg denkbar ungünstiges Schuhwerk trage. Auf dem Weg runterwärts treffe ich einen Trupp der Polizisten. Frage nach dem Weg, da die Beschilderung wirklich ausbaufähig ist. Leider weiß keiner so richtig Bescheid. Folge einem der Wege, der Polizeitrupp einem anderen. Treffe die Truppe noch weitere Male auf dem Weg abwärts. Man grüßt sich, man kennt sich. Kurz vor Erreichen des Parkplatzes dann doch noch eine falsche Abzweigung genommen. 15 Minuten Umweg später dann erfolgreich am Auto angekommen. Fahren wieder zum Ferienhaus, alle sind kaputt, schöner Tag.

Noch ein Tag

Nach den Strapazen der Bergbesteigung heute nichts geplant. Etwas Bummeln in den Läden der Umgebung muss reichen. Das Kind bestaunt freudig die Waren der Läden. Zum Glück heute kein Geschrei. Beim Fleischer etwas zum Mittagessen geholt. Das Kind bekommt glatt etwas Wurst geschenkt. Ich möchte das auch, muss aber erkennen, dass es nichts bringt, wenn ich mich heulend auf den Boden werfe.

Am Nachmittag mit dem Kind zum Spielplatz. Ich muss sagen, dass mir eine Menge Spaß entgangen ist. Damals, als ich klein war. Dass man den Kies unter der Schaukel auch einfach auf die Schaukel legen kann. Das ist doch gleich ein anderes Erlebnis.

Kies am Po

Oder dass man mit dem Sand aus dem Sandkasten auch außerhalb des Sandkastens eine Menge Spaß haben kann. Das muss in Kinderkreisen der Tipp schlechthin sein. Eine anwesende Mutter musste ihr Kind ebenfalls ermahnen, dass es den Sand doch bitte im Kasten lassen möge. Mit Rindenmulch kann man auch hervorragend Pflanzen zuscharren. Und im Kinderkarussell kann man auch unter der Sitzfläche aussteigen. No Shit, Sherlock.

Nach dem Auspowern auf dem Spielplatz dann Hunger gehabt. Im Restaurant am See verdammt viel Glück gehabt. Zuerst traf unser Essen und dann eine Reisegruppe mit 50 Leuten ein. Die Kartoffelpuffer-Portion für das Kind war für Selbiges zuviel. Umso besser, mehr für mich.

Abreise

Beim Einpacken aller Sachen mit Erstaunen festgestellt, wie krümelig der Fußboden ist. Dachte erst, dass das Kind den Sandkasten für schlechte Zeiten mitgenommen hat. Waren dann aber doch nur Essensreste. Lecker.

Rückfahrt zeigt sich erstaunlich unspektakulär. Treffe jedoch einen der sagenumwobenen Mittelspurfahrer. Dachte, die sind schon alle ausgestorben. Muss mich zusammenreißen diesen nicht rechts zu überholen. Hochkonzentriert wechsle ich von ganz rechts, nach ganz links und wieder zurück. Mein Hintermann fährt einfach rechts vorbei. Und während ich ganz links fahre, rast – natürlich – wieder jemand von hinten ran. Kann gar nicht verstehen, wieso es so wenig Unfälle auf den Autobahnen gibt, bei soviel Deppen dort.

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